Bund-Artikel über das Eröffnungsfest

Stadt

Indianerhügel, Bike-Hindernis, und Zauberschloss

Von Matthias Ryffel. Aktualisiert am 09.09.2012

Ein Spielplatz der etwas andern Art ist am Samstag im Berner Stadtteil Kirchenfeld-Schosshalde im Wyssloch eröffnet worden: Auf brachem Gelände ist hier die Phantasie der Besucher gefordert.

Brach liegen: Das bedeutet unbestellt sein, unbebaut – aber nicht ungenutzt. Dies erlebt mit eigenen Augen, wer am Samstagnachmittag im Berner Stadtteil Kirchenfeld-Schosshalde im Wyssloch verweilt. Er begegnet dort einer Schar von Leuten, die sich mit Picke und Schaufel an einem Flecken nackter Erde zu Werke machen. Sie graben in der stechenden Sonne Löcher, füllen dunkle Erde in Schubkarren und schütten damit Hügel auf; viele Kinder sind darunter.

Zwischen Ostring, Schlosshalde- und Muristrasse präsentiert sich die Bundesstadt auch für Berner Verhältnisse ausgesprochen grün. Biegt man von der Laubeggstrasse Richtung Ostring vor den ersten Häusern rechts ab, passiert man ein altes Bauernhaus. Auf einer Weide grasen dort zwei Pferde, es folgt ein Fussballrasen. Ginge man weiter würde man zum Egelsee gelangen. Ab 2014 soll auf dem Gelände der Stadtteilpark Wyssloch entstehen. Noch aber liegt ein gutes Stück davon brach – genaugenommen 2200 Quadratmeter. Nicht vergebens: Nach einjähriger Lobby- und Planungsarbeit weihen der Verein Nachberegruppe Obstberg und die Interessengemeinschaft Wyssloch diesen Samstag eine Spielbrache ein.

«Alles was Freude macht»

Nur was soll man sich unter einer Spielbrache vorstellen? «Ich baue mir einen Sitz», sagt ein Bub dazu und entleert seine Schaufelladung Erde auf die Füsse des Fragenden. Der Knabe sei müde, erklärt dessen Vater lachend. Also unternehme er etwas gegen den Mangel an Sitzgelegenheit. Auch der Herr Papa hält eine Schaufel in den Händen. Als die kleine Familie erfuhr, dass es in ihrer Nähe ein Spielplatz zu gestalten gibt, liess sie sich nicht zweimal bitten. «Ich finde es schon toll, dass die Kinder hier selber aktiv werden und mitgestalten dürfen», bestätigt der Familienvater. So hat diese Gruppe etwa mit Pflöcken eine Bahn ausgesteckt. Die Holzstecken markieren, wo später Hindernisse einer BMX-Bahn zu liegen kommen. Die ersten Erdhügel erreichen schon Kniehöhe.

Eine Informationstafel am Eingang des Geländes verrät mehr. Da heisst es: «Im Prinzip darf auf der Spielbrache Wyssloch alles getan werden, was Freude macht und niemanden gefährdet oder massiv stört.» Mehr zu berichten weiss Georgette Mollet. Sie sitzt in der Quartierkommission und leitet die Betriebsgruppe der Brache. Während der öffentlichen Mitwirkung zum entstehenden Stadtteilpark hatte sie sich mit andern für eine Zwischennutzung stark gemacht. Im Quartier gebe es zwar Spielplätze. «Viele davon atmen aber noch den Geist der 70er: Schaukel und Rutsche, Punkt.» Man wolle mit dieser Zwischennutzung nun zeigen, dass es Bedarf für mehr Spielraum gibt. Auf der Brache dürften die Kinder auch einmal dreckig werden. «Hier können sie die Dinge selber in die Hand nehmen». In den schön gestalteten Spielplätzen der Stadtgärtnerei sei das bisweilen schwierig. «Als wir die Unterschriften zu sammeln begannen, haben wir k aum zu glauben gewagt, dass wir dieses Jahr eröffnen würden», sagt Mollett.

Indianerhügel, Bikehindernis und Zauberschloss

Dass das Projekt so reibungslos angelaufen ist, ist mithin Martin Beutler zu verdanken. Er ist von Beruf sozialer Plastiker und Kulturmanager. Wer sich für Brachen interessiert, dem ist Beutlers Name ein Begriff: In der Lorraine hat er mit seinem Verein Brachland das Konzept für die Brache am Centralweg erarbeitet – im Auftrag der Stadt. «Brache» habe für ihn etwas Spielerisches, holt Beutler aus. «Wie geht man mit der Welt um?» Hier gelte es selber zu entscheiden, was man aus der Umgebung mache – «weil diese keinem festen Zweck zugeordnet ist». Beutler zeigt auf einen Erdhügel und lacht: «Das ist ein Indianerhügel, ein Bike-Hindernis, und ein Zauberschloss». Das gesellschaftliche Potenzial von Brachen sei enorm. Vor 15 Jahren hätten er und andere in Bern die Begegnungszonen angestossen – und damit «ziemlich quer» zur Landschaft gestanden. «Heute gehören die zum guten Ton.» So soll es auch den Brachen ergehen, hofft Beutler.

Ihr gesellschaftliches Potenzial stellt die Brache schon an diesem Samstagnachmittag unter Beweis: Neben kleinen Quartierbewohnern mit ihren Familien kommen interessierte ältere Semester und Leute aus der Quartierkommission. Sogar der Baggerfahrer schaut vorbei, der die Brache in ihre jetztige Form brachte. Und selbstverständlich gibt sich auch die Politik die Ehre. Nebst privaten Gönnern, Quartiervereinen und dem LA21 hat auch die CVP Bern einen Beitrag an die budgetierten 30'000 Franken geleistet. Passend dazu, der offizielle Vertreter der Stadt: Gemeinderat Reto Nause (CVP) ist für die verletzte Bildungsdirektorin Edith Olibeth (SP) eingesprungen und überbringt nun «das Geschenk der Stadt». 12'000 Franken steuert diese an das Brachenprojekt bei; aus dem Kinder- und Jugendfonds.

Es gebe ja noch viel zu tun, in den nächsten drei Jahren, schliesst Nause seine Adresse. «Hoffentlich noch viel länger!», ruft eine Frau dazwischen. Trotz voraussichtlich kurzer Lebensdauer: Man darf gespannt sein, wie sich dieser Spielplatz entwickelt.

Erstellt: 08.09.2012, 19:37 Uhr

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